Cupping: Was mir das standardisierte Verkosten über meinen eigenen Geschmack gelehrt hat

Von Felix Brandt · Veröffentlicht 28. April 2026 · Sensorik und Verkostung · Lesezeit: ca. 6 Min.

Kurz zusammengefasst: Cupping ist eine standardisierte Kaffeeverkostungsmethode der SCA: gleiche Mahlgrade, gleiches Wasser-zu-Kaffee-Verhältnis, keine Extraktion im klassischen Sinne — der Kaffee zieht einfach. Das Ziel ist Vergleichbarkeit. Der Nebeneffekt: Du lernst, wie du selbst Aromen wahrnimmst, und wo deine blinden Flecken liegen.

Mein erstes professionelles Cupping war desorientierend. Zwanzig Schalen, sechs verschiedene Kaffees, ein Raum voller Menschen, die schnüffeln, schlürfen, spucken und Zahlen auf Formulare schreiben. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte.

Was mich überraschte: Das Formular half nicht so sehr beim Beurteilen der Kaffees — es half beim Beurteilen meiner eigenen Wahrnehmung.

Was beim Cupping passiert

Die SCA-Cupping-Methode schreibt vor: 8,25g Kaffee auf 150ml Wasser, Mahlgrad mittel-grob, Wassertemperatur 93°C. Der Kaffee wird aufgegossen und zieht vier Minuten. Dann bricht man die Kruste auf — dabei riecht man intensiv — und skimmt die Schicht ab. Danach verkostet man: erst, wenn der Kaffee noch heiß ist, dann warm, dann auf Raumtemperatur.

Warum drei Temperaturstufen? Weil Aromen sich mit der Temperatur verändern. Was bei 70°C bitter wirkt, kann bei 50°C angenehm säuerlich sein. Was bei hoher Temperatur floral erscheint, kann kühl karamellartig werden. Cupping-Standards verlangen, dass du einen Kaffee über seinen gesamten Abkühlungsbogen verkosten kannst.

Schlürfen — Das laute Schlürfen beim Cupping hat eine Funktion: Es vernebelt den Kaffee im Mund und bringt ihn in Kontakt mit der gesamten Zungenfläche und dem Gaumen. Das maximiert die Oberflächen-Exposition und aktiviert retronasal die Aromareceptoren in der Nasenhöhle.

Was ich über mich gelernt habe

Ich nehme Säure intensiver wahr als die meisten. In Cuppings, wo andere Teilnehmer Säure als "angenehm hell" beschreiben, empfinde ich sie oft als "zu scharf." Das ist keine Frage der Qualität — es ist Biologie. Meine Mundspeichelchemie puffert Säure weniger. Dieses Wissen hat meine Präferenzen verändert: Ich kaufe heute systematisch natürlich aufbereitete Kaffees oder Honey-Prozesse, weil die Säure dort weicher ist.

Ich bin schwach bei Textur-Beschreibungen. Körper, Viskosität, Mundgefühl — diese Kategorie war jahrelang ein blinder Fleck. Gezieltes Cupping-Üben mit fetthaltigen Kaffees (brasilianischer Natural, bestimmte indonesische) hat das verbessert.

Cupping zu Hause ausprobieren

Du brauchst keine SCA-Lizenz. Nimm drei verschiedene Kaffees, gleiche Mengen, gleiche Wassertemperatur, gleiche Einweihzeit. Schreib auf, was du wahrnimmst — nicht was du für richtig hältst, sondern was du tatsächlich riechst und schmeckst. Vergleiche mit dem nächsten Mal. Das ist Sensorikschulung.

Felix Brandt

Kaffeekenner und freier Autor für expertcafe.be. Aufgewachsen zwischen deutschen Röstereien und belgischen Espressobars, beschäftigt sich Felix seit über zehn Jahren mit Specialty Coffee — von der Ernte bis in die Tasse.

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