☕ 3 Kernpunkte

  1. Unterextraktion (unter 18 % Extraktionsausbeute): saurer, flacher, manchmal salzig schmeckender Cup — zu wenige lösliche Stoffe wurden aus dem Kaffee gezogen.
  2. Überextraktion (über 22 % Extraktionsausbeute): bitter, adstringierend, trocken-holziger Cup — zu viele, darunter unerwünschte Bitterstoffe, wurden gelöst.
  3. Mahlung ist die primäre Stellschraube: feiner mahlen erhöht die Extraktion (mehr Oberfläche, mehr Kontakt), gröber mahlen senkt sie. Temperatur und Zeit sind sekundäre Variablen.

Unter- und Überextraktion: Diagnose, Ursache und Lösung

Von Felix Brandt · April 2026 · Extraktion & Technik

Das Extraktionsfenster

Kaffee enthält lösliche und unlösliche Feststoffe. Von den löslichen werden typischerweise 18–22 % für optimalen Geschmack extrahiert (SCA-Referenzwert). Unter 18 %: Unterextraktion — die angenehmeren Zucker und Säuren sind extrahiert, aber Aromakomplexität fehlt. Sauerkeit ist dominant (organische Säuren kommen früh in der Extraktion heraus). Über 22 %: Überextraktion — Bitterstoffe (Phenole, Caffein-Komplexe), Gerbstoffe und Melanoidine, die spät in der Extraktion herausgehen, überwiegen. Bitterkeit und Adstringenz dominieren.

Diagnose: Was schmeckt der Kaffee

Unterextraktion-Symptome: Sauerkeit (nicht die angenehme Zitrus-Säure eines guten Washed, sondern scharfe, hohle Sauerkeit), Salzigkeit, dünner Body, kurzer Abgang, grasig oder holzig. Überextraktion-Symptome: Bitterkeit (trocken, lang anhaltend, adstringierend), manchmal holzig-tanninartig, Abgang unangenehm bitter. Wichtig: Nicht alle Bitterkeit ist Überextraktion. Koffein und Chlorogensäure sind immer etwas bitter — die Frage ist, ob die Bitterkeit ausgewogen und komplex oder flach und dominierend ist. Nicht alle Sauerkeit ist Unterextraktion: Eine lebendige Zitrusnote aus einem Yirgacheffe ist Aromaziel, keine Unterextraktion.

Die Mahlung als primäre Stellschraube

Feiner mahlen: mehr Oberfläche pro Gramm → mehr Wasser-Kaffee-Kontakt → höhere Extraktion. Gröber mahlen: weniger Oberfläche → weniger Kontakt → niedrigere Extraktion. Sequenz für Fehleranalyse: 1) Identifiziere das Problem (sauer = Unter, bitter = Über). 2) Ändere nur eine Variable (Mahlung zuerst). 3) Einen Schritt feiner oder gröber — nicht zwei auf einmal. 4) Neu brühen, erneut probieren. 5) Erst wenn Mahlung nicht mehr hilft: Temperatur, Zeit, Verhältnis anpassen.

Temperatur, Zeit und Verhältnis als sekundäre Variablen

Temperatur: höher → mehr Extraktion. Für Unterextraktion: Temperatur erhöhen (92 statt 88 °C). Für Überextraktion: senken. Zeit: länger → mehr Extraktion. Für Unterextraktion: langsamere Gießtechnik, feinere Mahlung. Für Überextraktion: gröber mahlen, schneller eingießen. Verhältnis: mehr Wasser pro Gramm Kaffee → niedrigere Konzentration, nicht unbedingt veränderte Extraktion (TDS sinkt, EA bleibt ähnlich). Refraktometer (zur TDS-Messung) erlaubt genaue Extraktionsausbeute-Berechnung: EA = TDS × Brühvolumen / Kaffeemasse × 100.

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