☕ 3 Kernpunkte

  1. SL28 und SL34 wurden in den 1930ern am Scott Agricultural Laboratories in Nairobi aus Wild-Arabica-Beständen selektiert — nicht durch Kreuzungszucht, sondern durch phänotypische Selektion aus dem Feld.
  2. SL28 zeigt das intensivste phosphatische Säureprofil aller Arabica-Varietäten: Schwarze Johannisbeere, Tomatensaft, Kirsche — ein Geschmacksprofil, das sofort wiedererkennbar ist.
  3. SL28 ist hoch anfällig für Kaffeebeere-Bohrer und Blattrost — deshalb wird es in Kenia durch resistentere Varietäten (Ruiru 11, Batian) ergänzt, die aber aromatisch nicht mithalten können.

SL28 und SL34: Kenias genetische Schätze und das Johannisbeere-Phänomen

Von Felix Brandt · April 2026 · Varietäten

Entstehung im Scott Agricultural Laboratories

Das Scott Agricultural Laboratories (SAL) in Muguga, Kenia wurde in den 1930er Jahren vom britischen Kolonialministerium für Kaffeeforschung eingerichtet. Forscher sammelten Kaffeepflanzen aus verschiedenen äthiopischen und sudarabischen Sammlungen sowie aus kenianischen Farmen und selektierten phänotypisch nach Ertrag, Resistenz und Qualität. SL28: selektiert aus einer einzelnen Pflanze eines "Tanganyika Drought Resistant"-Bestands — möglicherweise aus dem äthiopisch-sudarabischen Genpool stammend. SL34: selektiert aus einem "French Mission"-Bestand (Bourbon-Linie aus der Réunion via Missionare). Die SL-Nummerierung (SL1–SL34+) bezeichnet die Selektionsnummer des SAL.

Das SL28-Profil — Schwarze Johannisbeere als Signatur

SL28 ist eine der am meisten diskutierten Varietäten in der Specialty-Kaffeewelt. Sein Profil: Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum) — eine Aromanote, die so stark und charakteristisch ist, dass erfahrene Verkoster blind identifizieren. Dazu: Tomatensaft oder -blatt (ein phenolischer Descriptor, der in Kenia einzigartig ist), Pflaume, rote Kirsche, manchmal Hibiskus. Wissenschaftlicher Hintergrund: Die phosphatische Säure kommt aus dem hohen Phosphorgehalt des roten Lateritbodens Nairobis und der Umgebung — SL28 ist besonders gut an diese Bodenbedingungen adaptiert und nutzt Phosphor für Aromaverbindungen effizient.

SL34 — körperreicher Bruder

SL34 (Bourbon-Linie) zeigt ein verwandtes aber weniger intensives Profil: mehr Körper als SL28, Pflaume, dunkle Beere, wärmer im Charakter. Weniger phosphatisch, mehr Tiefe. In Kenia werden SL28 und SL34 oft gemeinsam auf denselben Farms angebaut — der Lot-Blend beider erzeugt eine Komplexität, die keines für sich allein schafft. Die meisten kommerziell erhältlichen Kenia-Lots sind SL28+SL34-Mischungen von einer oder mehreren Washing Stations.

Zukunft von SL28 — Klimarisiko

SL28 und SL34 sind hoch anfällig für Hemileia vastatrix (Kaffeeblattrost) und den Kaffeebeerenbohrer (Hypothenemus hampei). Im Kontext des Klimawandels (höhere Temperaturen, mehr Feuchtigkeit in Kaffeeregionen) steigt der Druck durch Schädlinge. Kenia hat Ruiru 11 (1985) und Batian (2010) als resistentere Varietäten entwickelt. Beide sind aromatisch nicht auf SL28-Niveau. Das Dilemma der kenianischen Kaffeewirtschaft: Qualitätserbe vs. Klimaresilienz. Specialty-Röstereien zahlen Premiumpreise für SL28-Lots — ein direkter Anreiz für Produzenten, die empfindliche Varietät trotz Risiko zu kultivieren.

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