☕ 3 Kernpunkte
- SL28 und SL34 stammen aus demselben Programm, aber nicht aus demselben Erbgut. SL28 gehört zur Bourbon-Gruppe, SL34 zur Typica-Gruppe, obwohl gerade SL34 den Beinamen French Mission trägt.
- Keine der beiden Sorten ist krankheitsresistent. Kaffeeblattrost, Kaffeekirschenkrankheit und Nematoden treffen beide. Die Tassenqualität wird in Pflege, Behandlungen und Ertrag bezahlt.
- Was der Handel den kenianischen Charakter nennt, ist nur zur Hälfte genetisch. Die doppelte Waschfermentation der kenianischen Stationen ist ein Verfahren, kein Erbmerkmal, und sie ist es, was die Hälfte aller Verkostungsnotizen tatsächlich beschreibt.
SL28 und SL34: Kenias genetische Schätze und das Johannisbeere-Phänomen
Wo und wann wurden SL28 und SL34 ausgelesen?
Die Scott Agricultural Laboratories wurden 1922 in Kabete bei Nairobi eingerichtet, als die britische Kolonialverwaltung dort einen landwirtschaftlichen Forschungsdienst mit einem Entomologen, einem Mykologen und einem Pflanzenzüchter aufbaute. Die Gebäude waren älter als die Einrichtung: 1913 als Sanatorium errichtet, im Ersten Weltkrieg als Lazarett genutzt und nach Dr. Henry Scott benannt, einem Missionar der Church of Scotland. Die Kaffeeabteilung zog erst 1934 dorthin um, mit vierundzwanzig Acres für die Kultur. Auslesen einzelner Bäume, die dort zwischen 1935 und 1939 vorgenommen wurden, erhielten das Kürzel SL. Zweiundvierzig Bäume unterschiedlicher Herkunft standen unter Beobachtung, geprüft auf Ertrag, Tassenqualität, Trockenheitstoleranz und Krankheitsresistenz. SL28 wurde 1935 aus einem einzigen Baum einer Population namens Tanganyika Drought Resistant ausgelesen. Die oft zitierte Jahreszahl 1931 meint etwas anderes: In jenem Jahr bereiste A. D. Trench, der leitende Kaffeeoffizier des Labors, Tanganyika und bemerkte im Distrikt Moduli einen Kaffeebaum, der Trockenheit, Krankheiten und Schädlinge offenbar wegsteckte. Das Saatgut kam nach Kabete zurück, wo sich die Trockenheitstoleranz bestätigte. Zwischen Sammelreise und Auslese liegen also vier Jahre.
Warum schmeckt SL28 nach schwarzer Johannisbeere?
SL28 gehört zu den meistdiskutierten Varietäten der Specialty-Welt, und das liegt an einer einzigen Aromanote: schwarze Johannisbeere, so ausgeprägt, dass erfahrene Verkoster sie blind ansprechen. Dazu kommen Tomatensaft oder Tomatenblatt, Pflaume, rote Kirsche, gelegentlich Hibiskus. Für die oft genannte phosphatische Säure gibt es allerdings keinen belastbaren Beleg, weder in Form einer Bodenerklärung noch als Messwert. Der Ausdruck beschreibt eine Empfindung am Verkostungstisch, nämlich eine klare Säure, die in der Mitte des Gaumens aufsteigt statt vorne anzusetzen. Ein erheblicher Teil dieser Klarheit stammt ohnehin nicht aus dem Baum, sondern aus der Aufbereitung: Kenianische Waschstationen fermentieren zunächst rund vierundzwanzig Stunden trocken und lassen die Bohnen anschließend zwölf bis vierundzwanzig Stunden in sauberem Wasser nachziehen. Wer das Verfahren wegnimmt, verliert einen guten Teil der Johannisbeere, obwohl die Sorte dieselbe bleibt.
Ist SL34 wirklich die mildere Schwester von SL28?
Im Glas ja, in der Abstammung nein. SL34 zeigt ein verwandtes, aber weniger schneidendes Profil: mehr Körper als SL28, Pflaume, dunkle Beere, wärmer im Charakter. Die Herkunft ist jedoch eine andere, als der Name nahelegt. SL34 wurde aus einem einzelnen Baum auf Loresho Estate in Kabete ausgelesen, der als French Mission etikettiert war, also nach dem Bourbon-Saatgut benannt, das französische Missionare von Réunion nach Kenia gebracht hatten. Neuere genetische Tests ordnen SL34 der Typica-Gruppe zu, nicht der Bourbon-Gruppe, und stellen damit die Etikettengeschichte in Frage. Den Bourbon-Hintergrund trägt SL28, nicht SL34. In Kenia stehen beide Sorten häufig auf denselben Farmen, und die meisten kommerziell erhältlichen Kenia-Lots sind Mischungen aus SL28 und SL34 von einer oder mehreren Waschstationen.
Wie krankheitsanfällig sind SL28 und SL34?
Sehr. Beide gelten als anfällig für Kaffeeblattrost (Hemileia vastatrix), für die Kaffeekirschenkrankheit (Colletotrichum kahawae) und für Nematoden. Eine Resistenz gegen eine dieser drei Bedrohungen besitzt keine der beiden Sorten. Was SL28 stattdessen mitbringt, ist Trockenheitstoleranz und eine bemerkenswerte Zähigkeit: sechzig bis achtzig Jahre alte Bäume tragen in Kenia noch immer, und eine jahrelang sich selbst überlassene Parzelle lässt sich zurück in die Produktion holen. Kenia hat die Lücke mit anderen Sorten geschlossen, die anderswo im Forschungssystem entstanden sind: Ruiru 11, 1985 von der Coffee Research Foundation an der Forschungsstation Ruiru freigegeben, kompakt, sehr ertragreich, rostresistent und resistent gegen die Kaffeekirschenkrankheit, und Batian, 2010 an derselben Station freigegeben, hochwüchsig, resistent gegen die Kaffeekirschenkrankheit und mit mittlerer Rosttoleranz. Beide haben SL28 und SL34 in ihrer Ahnenreihe, keine der beiden ersetzt sie aromatisch. Das Dilemma der kenianischen Kaffeewirtschaft steht damit klar da: Qualitätserbe gegen agronomische Sicherheit. Solange Specialty-Röstereien Aufpreise für SL28-Lots zahlen, bleibt der wirtschaftliche Anreiz bestehen, die empfindliche Sorte trotz des Risikos zu behalten.
Was macht SL28 und SL34 in der Specialty-Welt so bekannt?
Beide Namen tauchen fast immer gemeinsam auf, und beide haben in der Specialty-Welt einen Status, der an das Mythische grenzt. Der Grund ist ein Missverständnis mit Charme: Der Handel liest im Sortennamen ein Geschmacksversprechen, das dort so nicht steht. Was tatsächlich in der Tasse landet, entsteht aus dem Zusammenspiel von Genetik, Höhenlage, vulkanischem Boden und der Aufbereitung in der Waschstation. Nimmt man einen dieser Faktoren heraus, verschiebt sich das Ergebnis erheblich. Genau deshalb sind SL28 und SL34 als Lehrstück so nützlich: Sie zeigen an einem konkreten Fall, wie wenig ein Sortenname allein trägt.
Ebenso zäh hält sich die Vorstellung, die beiden Sorten kämen nur in Kenia vor. Das stimmt nicht. SL28 wird auch in Uganda angebaut, wo sie in den Arabica-Gebieten eine Rolle spielt, dazu in Malawi und Simbabwe, und sie ist später nach Lateinamerika gelangt. Was in Kenia geblieben ist, ist die Reputation und die Aufbereitungstradition, nicht die Pflanze. Ein SL28 aus einem anderen Anbauland ist nicht schlechter, er ist ein anderer Kaffee, und wer mit der Erwartung schwarzer Johannisbeere herangeht, wird ihn falsch beurteilen.
Wie holt man aus SL28 und SL34 zu Hause das Beste heraus?
Wenn auf einer Packung SL28 oder SL34 als Varietät steht, ist das zunächst ein Transparenzsignal: Die Rösterei kennt ihren Kaffee gut genug, um auf Sortenebene zu kommunizieren. Für die Zubereitung eignen sich beide Sorten vor allem als Filterkaffee. Eine V60 oder Chemex bei 92 bis 94 Grad, mittlerer bis fein-mittlerer Mahlgrad, Bloom von 35 Sekunden und eine Brühdauer von 3:00 bis 3:30 Minuten sind ein belastbarer Ausgangspunkt. Die intensive Säure reagiert empfindlich auf Überextraktion, also lieber etwas kürzer brühen und gröber mahlen als umgekehrt. Als Cold Brew funktionieren SL28-Lots ebenfalls gut: Die Kaltextraktion betont die Fruchtigkeit und nimmt der Säure die Spitze. Wer die Sorte wirklich verstehen will, verkostet sie parallel zu einem Bourbon aus Ruanda oder einem äthiopischen Yirgacheffe, statt sie isoliert zu trinken.
Was lernt man über Kaffeegenetik an SL28 und SL34?
Das Beispiel taugt als Einführung in die Sortenkunde, weil es gleich mehrere verbreitete Irrtümer auf einmal korrigiert. Erstens sagt ein Sortenname nichts Verlässliches über die Abstammung: SL34 heißt French Mission und gehört trotzdem zur Typica-Gruppe, während der Bourbon-Hintergrund bei SL28 liegt. Zweitens bedeutet hervorragende Tassenqualität keine agronomische Robustheit, im Gegenteil, hier geht sie mit voller Anfälligkeit gegen die drei wichtigsten Bedrohungen einher. Drittens wandert ein Geschmacksprofil nicht mit der Pflanze mit, sondern bleibt zu einem guten Teil an Ort und Verfahren gebunden.
Daraus folgt eine unbequeme Konsequenz für den Erhalt dieser Sorten. Wenn steigender Krankheitsdruck kenianische Produzenten dazu bringt, SL28 und SL34 durch widerstandsfähigere Sorten zu ersetzen, verschwindet nicht nur ein Geschmacksprofil, sondern ein Stück Zuchtgeschichte. Der wirtschaftliche Hebel liegt dabei fast vollständig auf der Nachfrageseite: Solange Käufer und Röstereien Aufpreise für SL28-Lots zahlen, gibt es trotz niedrigerer Erträge einen Grund, sie stehen zu lassen.
Für die Praxis heißt das vor allem eines: Lesen Sie Sortenangaben als Anfang einer Frage, nicht als Antwort. Woher stammt das Lot, auf welcher Höhe wuchs es, welche Waschstation hat es aufbereitet, und wie lange lag es im Wasser? Diese vier Angaben erklären eine kenianische Tasse zuverlässiger als der Sortenname allein, und sie sind bei guten Röstereien fast immer verfügbar.